Alles dreht sich um die Sonne

Wie Solartechnik ein Haus frei von Öl, Gas und Stromanschluss machen kann

Timo Leukefeld, Ingenieur der Energetik und Experte für Solarthermie, stammt aus Freiberg in Sachsen. Dort lernen die Studenten der berühmten Bergakademie, wie man unter Tage Stollen vorantreibt und gegen Einsturz sichert. Leukefeld studierte in Freiberg, wo man sich auch auf der Straße mit einem „Glück auf!“ begegnet. Doch zog es ich nicht unter die Erde, sondern nach oben, zum Hochbau und darüber hinaus: „Alles dreht sich um die Sonne“, sagt er gerne, wenn er über sein großes Projekt spricht – das Haus, das ohne Stromanschluss, Öltank oder Gasleitung auskommt. Denn es bezieht seine Energie fast ausschließlich durch Sonnenstrahlung.


Seit man dieses Gebäude tatsächlich zu einem bezahlbaren Preis mit der HELMA Eigenheimbau AG bauen lassen kann, erfährt es die höheren Weihen einer eigenen Abkürzung: EAH, für energieautarkes Haus. Im Freiberger Neubaugebiet entsteht gerade ein energieautarkes Haus mit 162 Quadratmetern Wohnfläche zum Preis von 398.000 Euro – und in unmittelbarer Nachbarschaft wird sogar noch ein zweites EAH gebaut.

Steiles Dach


„Die Basis ist das Sonnenhaus-Konzept“, stellt der Sachse die Grundidee vor. „Dabei sammelt ein steiles Dach auch die Strahlen einer niedrig stehenden Sonne ein.“ Aber dieses Dach ist wieder ausschließlich mit Solarzellen für Stromerzeugung bedeckt (wie man es meistens sieht), noch trägt es nur Sonnenkollektoren fürs warme Wasser, sondern das EAH hat beides auf einer Dachfläche vereint. Die Energie, die so gewonnen wird, bleibt im Haus, wird dort sofort verbraucht oder lange gespeichert. Die Wärmeenergie lagert in einem neun Kubikmeter großen, in das Haus integrierten Tank, wo sie über Monate speichbar ist. Der Strom vom Dach verschwindet nicht im Netz, sondern der Überschuss findet sich in einer langen Kiste wieder, in der Akkus ihn aufnehmen.


Leukefeld weiß, dass diese Technik den Abschied von alten Gewohnheiten fordert. Der Verzicht auf einen Stromanschluss erinnert an Eroberer, die ihre Schiffe hinter sich verbrannten. Kann das funktionieren? „Wer in ein solches Haus investier, entscheidet sich gegen den Verbrauch endlicher Ressourcen und für eine Kultur des nachhaltigen Gebrauchens“, stellt der Experte klar.
Selbstversorger


Es entsteht der neue Typ des häuslichen Selbstversorgers, wie es ihn in der Zeit vor der Kohle bereits gab. Laut Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) wird die Eigenerzeugung von Solarstrom und –wärme angesichts stetig steigender Preise für Öl und Gas immer attraktiver. Die Perspektiven sind gut. Nach einer Studie des Ingenieurbüros für neue Energie (IfnE) kann ein Vier-Personen-Haushalt bis zu 40 Prozent seines Strombedarfs mit Hilfe einer Solaranlage decken. Bedingung ist allerdings: Große Stromfresser wie Waschmaschine, Trockner und Spülmaschine müssen genau dann laufen, wenn die Sonne scheint. Die regelnde Elektronik des EAH ermöglicht das. „Wichtig ist, dass kein Strom verbraucht wird, um Wasser zu erhitzen, wie bei einer Waschmaschine“, sagt Timo Leukefeld. Das Gerät im EAH erhält nur warmes Wasser – ein Vorschaltgerät passt die Technik an. Beim Geschirrspüler gilt das Gleiche.

Verhalten ändern


Niemand muss die Zimmertemperatur im Winter auf schlappe 19 Grad drosseln, um im Pulli über die Runden zu kommen. Leukefeld spricht sogar augenzwinkernd vom „intelligenten Verschwenden“ und versichert: „Die Bewohner des EAH können die Heizung aufdrehen, trotzdem sparen und zusätzlich mit selbst erzeugtem Solarstrom Auto fahren.“ Denn der Akku des Elektrowagens ist ins Stromkonzept eingebunden. Bisher decken nur knapp vier Prozent der deutschen Haushalte ihren Wärmebedarf durch Solartechnik. Und selbst erzeugter Strom wird wegen der hohen Vergütung vor allem ins Netz eingespeist. Doch das wird sich laut BSW ändern. „Die Einnahmen aus dem Solarstromverbrauch müssen jedoch versteuert werden und sie sind durch die Inflation immer weniger wert“, sagt Timo Leukefeld. Demgegenüber werde der eingekaufte Strom für den Haushalt immer teurer. Das spreche langfristig gegen die Null- und die Plusenergiehäuser, da sie immer vom öffentlichen Netz abhängig sind.


EAH in Freiberg


Leukefelds Traum ist der Siegeszug des autarken Hauses. Das würde auch die Stromnetze entlasten. Bleibt sein Konzept auf das Einfamilienhaus für Besserverdiener beschränkt? „Eine Massenanwendung ist realistisch“, sagt der Fachmann. Für große Mehrfamilienhäuser sei zumindest eine Teilautarkie denkbar. „Zwischen 50 und 70 Prozent“, sagt Leukefeld. Die Idee der Selbstversorgung stoße bei Stadtwerken und regionalen Versorgern auf steigendes Interesse. Auch dort, wo es gar keine Stromnetze gebe, werde man auf das EAH aufmerksam. So gibt es bereits Anfragen aus China.
Der Mann aus Freiberg weiß aus der Erfahrung, dass die Sonne sich an manchen Wintertagen auch ziemlich bedeckt halten kann. Daher hat sein Musterhaus einen 25-kW-Kaminofen für den Ernstfall. „Ein bis zwei Festmeter Stückholz sind allerdings ausreichend.“ Erst wer mit Axt und Motorsäge umgehen kann, ist hundertprozentig sein eigener Herr.

Von Alexander Michel

Quelle: Nordbayrischer Kurier, Ausg. 28.09.2012

 


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