24.11.2012 | 11:46

Das energieautarke Haus – ohne Stromanschluss

Häusern, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen, gehört die Zukunft des Wohnens. Und die hat bereits begonnen.

Selbst nutzen statt einspeisen

Der Photovoltaik gehört die Zukunft, keine Frage. Da ist sich Professor Dipl.-Ing Timo Leukefeld ziemlich sicher. Zweimal  schon wurde der ausgewiesene Experte aus Freiberg (Sachsen) mit dem Solarpreis des Wirtschaftsverbunds EuroSolar ausgezeichnet. Nicht sicher ist er sich allerdings, wie sinnvoll es ist, den auf dem eigenen Dach erzeugten Strom an die Stromkonzerne per Staatsubventionierung für teures Geld zu verkaufen, um ihn für den Eigenbedarf anschließend wieder für billiges Geld zurückzukaufen. Diesem Modell beschert er nur noch wenig Zukunft. „Das funktioniert ja nur, solange die Politik mitspielt“, sagt Leukefeld. „Und die bietet Häuslebauern keine langfristige Sicherheit – siehe Atomausstieg quasi über Nacht. Sobald statt der Subventionierung eine Steuer auf verkauften Strom wie in Tschechien erhoben wird, bricht der Markt zusammen.“ Er plädiert daher jetzt schon für die Energieautarkheit und hat mitgearbeitet am ersten bezahlbaren Fertighaus. Das ist bis auf die Kosten von 1,5 Ster Holz komplett unabhängig vom Energiemarkt.

Kein Stromanschluss mehr nötig

Das 162 Quadratmeter große Musterhaus bei Hannover stillt seinen Wärmebedarf zu 65 Prozent über Solarkollektoren, der Rest kommt von einem Holzvergaser, der im Jahr mit 1,5 Ster auskommt – aktuelle Kosten für Buche: 120 Euro. Die restliche freie Fläche des Daches liefert Sonnenstrom, der aber im Haus bleibt. Das Gebäude ist auch gar nicht ans Stromnetz angeschlossen. „Das geht, weil es keinen Anschlusszwang wie beim Wasser gibt“, erklärt Leukefeld. So sind schon mal einige tausend Euro Erschließungs- und Anschlusskosten gespart.

Sicherheit durch 20-Tage-Akku

Natürlich fragt der ängstliche deutsche Häuslebauer nun sofort: Was aber, wenn zu wenig Sonne scheint, dann kann ich nicht kühlen, kochen, waschen, fernsehen, telefonieren, praktisch nichts mehr. Doch da kann Leukefeld beruhigen: „Wir ernten von Februar bis November einen Stromüberschuss, nur in der Restzeit besteht ein Risiko des Strommangels. Das beheben Akku-Elemente mit den Ausmaßen 2,70 x 0,80 x 0,80 Meter, die in einer Hülle neben dem Haus positioniert sind. Sie halten den nötigen Haushaltsstrom für 20 Tage bereit. Das reicht.“

Wohin mit dem Zuviel an Strom?

Der Stromüberschuss kann zwar zum Teil gespeichert werden, doch wohin mit dem Rest. Hier öffnen sich viele Möglichkeiten. Leukefeld: „Das könnte der große Durchbruch der Elektro-Mobilität werden. Vom E-Bike bis zum E-Automobil kann hier alles umsonst „betankt“ werden. Damit ist auch die Kosten- und Öko-Diskussion um Pendlerwege vom günstigen Umland in die Städte vom Tisch.“ Aber dann, so seine Rechnung, eröffnen sich noch viele weitere Möglichkeiten. Leukefeld spricht von „intelligenter Verschwendung“.

Intelligent verschwenden

Mit dem Stromüberschuss ist ein Gratis-Leben im Luxus möglich. Die Umwälzpumpe für den Pool, die Heizung dafür und die stromintensive Gegenstromanlage: All das  wird im Sommer mit kostenlosem Sonnenstrom betreiben. Genauso wie Brunnen und Wasserspiele und eine aufwendige Gartenbeleuchtung. Und zumindest für Einfamilienhausbewohner ist die Suche nach teuren Energiespargeräten damit beendet. Sie treiben auch den Preis wegen der erhöhten Nachfrage nicht in die Höhe, denn sie nehmen am Energiemarkt gar nicht teil.

Trend zur Selbstversorgung

Für Leukefeld ist klar: „Der Trend geht zur Selbstversorgung. Das hat auch eine starke psychologische Ursache. Die Menschen wollen nicht mehr den Unwägbarkeiten der Konzerne und der Politik in Sachen Energie ausgesetzt sein.“ Beispiel gas: Obwohl es günstiger in der Herstellung ist, ist es an den Ölpreis gekoppelt und wird nicht wie in einer Marktwirtschaft zu erwarten nach den Produktionskosten abgerechnet. Lapidare Antwort der Gasindustrie: Gas macht so warm wie Öl, also kostet es auch so viel. Für Leukefeld ist daher die Unabhängigkeit vom Energiemarkt der Schlüssel zu einer soliden Altersversorgung.

Wer autark ist, hat vorgesorgt

Die eigenen vier Wände geben an sich schon emotionale und wirtschaftliche Sicherheit. Wer darin unabhängig vom Energiemarkt ist, fühlt sich noch ein Stückchen freier, und ist es auch – besonders mit Blick aufs Alter, wenn steigende Preise nicht mehr mit steigenden Einkommen ausgeglichen werden können.

Freiheit für 399.000 Euro

Aber was kostet die neue Freiheit? Das energieautarke Einfamilienhaus wird aktuell für 399.000 Euro angeboten. Die Mehrkosten zum konventionellen Modell seien nach etwa 15 Jahren amortisiert.

Quelle: tz, Ausg. 24.11.2012


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